Überlegungen zur Tragweise römischer Ohrringe mit S-förmigen Ohrhaken

Verschiedene römische Ohrringe weisen bei den Ohrhaken eine S-förmige Form auf. Besonders häufig werden diese Ohrhaken bei den Perlenkorb- und Halbkugelohrringen des 1. Jhd. n. Chr. und bei den Pendelohrringen ab dem 1. Jhd. n. Chr. verwendet. Aber auch bei Blütenohrringen des 1. und 3. Jhd. n. Chr. findet man diese Hakenform. In den Ausstellungskatalogen werden solche Ohrringe gelegentlich verschieden gedreht gezeigt, so dass das Hakenende entweder nach oben oder nach unten zeigt (Anmerkung 1). Deshalb interessierte mich, wie diese Ohrringe getragen wurden und welchem Zweck die Hakenform diente. Dazu stellte ich Ohrringe mit den Haken in antiker S-Form her und testete die Tragbarkeit dieser Schmuckstücke. Bei den von mir nachgearbeiteten Schmuckstücken handelt es sich zum einen um Perlenkorbohrringe (Anmerkung 2) und Pendelohrringe mit Perlen (Anmerkung 3) aus dem 1. Jhd. n. Chr., die im Vesuvgebiet gefunden wurden. Zum anderen sind  es Blütenohrringe mit Perlen und Smaragden aus dem  3. Jhd. n Chr., die dem Schatzfund von Eauze entstammen (Anmerkung 4).

Schon bei den Perlenkorbohrringen und den Pendelohrringen, bei denen der Ohrhaken flach an den Ohrringkörper angelötet ist, zeigt der praktische Test, dass diese Ohrringe nur mit dem Hakenende nach oben getragen werden können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Ohrringe rausrutschen bzw. schief hängen. Trägt man die Ohrringe wie auf dem Photo gezeigt entsteht der Effekt, dass die Ohrringe sicher im Ohr sitzen und somit nicht so schnell verloren gehen können.

Bei den Blütenohrringen ist der Ansatz des Ohrhakens senkrecht auf den Ohrringkörper gelötet. (Siehe Bild 2 in der Galerie.) Trägt man den Ohrring wie es auf dem nebenstehenden Photo zu sehen ist direkt hinter dem Ohrringkörper, kommt neben dem Effekt des sicheren Sitzes auch noch ein „Steckereffekt“ dazu, da die S-Schlaufe den Ohrring fest an das Ohr fixiert, so dass der Ohrring schön am Ohr anliegt. (Siehe Bild 3 in der Galerie.)

Irmgard Mersch

 

Anmerkungen

1) L. Franchi dell’Orto, A. Varone (Hrsg.), Pompeji wiederentdeckt, Rom 1994, S. 262-263, Abb. 195, 197, 198; J. Mühlenbach; D. Richter (Hrsg.), Verschüttet vom Vesuv. Die letzten Stunden von Herculaneum, Mainz 2005, S. 261, Abb. 1.10; R. Aßkamp et al. (Hrsg), Luxus und Dekadenz. Römisches Leben am Golf von Neapel, Mainz 2007, S. 210, Abb. 1.1; S. 269, Abb. 8.2.

2) A. d'Ambrosio; E. de Carolis, I Monili dall'Area Vesuviana, Rom 1997, S. 31-32, Tav. II, Nr. 27.

3) R. Siviero: Gli Ori e le Ambre del Museo Nazionale di Napoli, Florenz 1954, S. 71, Nr. 271, Abb. 183a.

4) D. Schaad ( Hrsg. ): Le Tresor d’Eauze, Toulouse 1992, S. 32, Nr. 3.